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Nr. 92, 21.10.2017  voriger  Übersicht  Übersicht  REIHEN  SUCHE 

Anatomie des Todes

Mortui vivos docent – die Toten lehren die Lebenden: Das ist der Leitsatz der Anatomischen Sammlung der Kieler Universität. Rund 800 Dauerpräparate des gesamten menschlichen Körpers dienen im Anatomischen Institut den Studierenden zur Lehre und Forschung.


Das Korrosionspräparat zeigt eindrucksvoll die Arterien einer rechten Hand. Besonders
das Nagelbett des Daumens präsentiert sich reich an Gefäßen. Foto: pur.pur

Ein kleines bisschen verschrumpelt wirkt der Arm, der in einer Sondervitrine am Eingang der Anatomischen Sammlung in einem Glasgefäß ruht. Das Verschrumpelte ist zum einem seinem Alter, zum anderen der farblosen Fixierlösung geschuldet, in der der Unterarm plus Hand über all die Jahre aufbewahrt wurde – zum Wohle der Lehre. »Die Tattoos auf der Haut sind alle noch gut erkennbar«, erzählt Professor Ralph Lucius, der geschäftsführende Vorstand des Anatomischen Instituts der Kieler Universität und Bewahrer der Anatomischen Sammlung.

Über 1.000 menschliche Präparate – von einzelnen Gelenken, Sehnen und inneren Organe bis zum gan­zen Skelett – sind in Vitrinen in dem lichten Saal im ersten Stock des Instituts in der Olshausenstraße ausgestellt. Etliche weitere Präparate, die allesamt aus den Körpern von Verstorbenen, von Körper­spendern für die Wissenschaft, entnommen wurden, finden sich in Nebenräumen. Sie dienen Studieren­den der Medizin, der Zahnmedizin und der Pharmazie zum Eigenstudium und stehen außerdem Ärztinnen und Ärzten, Physiotherapeutinnen und -therapeuten sowie Menschen anderer medizinischer Berufe zu Fortbildungszwecken zur Verfügung.

Der Arm, der aufgrund der maritimen Tätowierungen vermutlich einem Matrosen gehörte – genauer weiß man es nicht – und auf dem die Jahreszahl 1893 verewigt ist, gehört mit zu den ältesten Präparaten der Sammlung.

Forschung und Lehre anhand von menschlichen Körperteilen gab es schon vor über 300 Jahren, als das Anatomische Institut der Kieler Universität gegründet wurde. »Erste Exponate waren unter anderem aus Holz nachgebaut worden«, erklärt Lucius. Später kamen menschliche Präparate hinzu. Doch erst 1977 wurde unter Leitung von Professor Bernhard Tillmann eine wissenschaftliche anatomische Sammlung am Institut aufgebaut.

Seitdem werden hier alle Teile des menschlichen Körpers ausgestellt – aufgeteilt in die Bereiche Bewe­gungs­apparat, vergleichende Anatomie (mit Zoologie), Embryologie, innere Organe, Neuroanatomie (Gehirn, Rückenmark) und topografische Anatomie (räumliche Vorstellung des menschlichen Körpers).

In den Vitrinen finden sich Dauerpräparate wie Knochen, Gelenke, ganze Arme oder Beine genauso wieder wie Organe in Fixierlösung oder filigrane Geflechte von Gefäßen, die mittels farblicher Injektionen sichtbar gemacht wurden.

»Wir zeigen in unserer Lehr-, Schau- und Studiersammlung den gesunden Körper plus einiger Varian­ten«, erklärt Lucius, »damit die Studierenden die Grundlagen lernen, wie zum Beispiel die Lunge eines Nicht­rauchers aussieht oder wie Sehnen, Muskeln und Knochen in einem gesunden Knie zusam­menspielen.« Das Basiswissen sei wichtig, um später Krankheiten diagnostizieren zu können. »Solches Wissen lernt man nicht nur aus Büchern und durch Bilder, dafür braucht es Anschau­ungsobjekte«, sagt Lucius. »Man muss den Körper, seine komplexen Strukturen und räumlichen Gegeben­heiten im wahrsten Wortsinn begreifen.«

Über 1.000 menschliche Präparate werden in der Anatomischen Sammlung aufbewahrt. Geleitet wird sie von Ralph Lucius. Foto: pur.pur

Begreifen lässt sich der menschliche Körper auch durch die praktischen Präparierübungen an den Körpern von Verstorbenen. »Es gibt immer wieder ethische Diskussionen, ob man die Präparationskurse, für die man Körperspenden nutzt, wirklich benötigt, vor allem, da die Studierenden auf die Anatomische Sammlung zurückgreifen könnten«, erklärt Lucius und ergänzt: »Für mich sind beide Arten der Lehre gleich wichtig.« Denn wie fein zum Beispiel das Geflecht von Nerven ist, lasse sich nur während der filigranen dreidimensionalen Präparation des Nervensystems eines Körperteils, bei der die Stränge einzeln herausgeschält werden, erfassen.

»Das erworbene Wissen über den Körperaufbau ist unverzichtbar für alle diagnostischen und thera­peutischen Maßnahmen und gehört somit zu den wichtigsten Voraussetzungen für eine erfolgreiche ärztliche Tätigkeit.«

Doch die Studierenden können während der Kurse nicht alle Bereiche des menschlichen Körpers präparieren. »Die Gefäßdarstellung zur Versorgung des Gehirns mit Blut ist sehr komplex, daher ist dieses Präparat nur in der Anatomischen Sammlung zu sehen«, sagt Ralph Lucius. »Sowohl die Sammlung als auch die Kurse tragen an der Kieler Universität zu einer umfassenden Lehre bei. Und das ist es, was wichtig ist.«

Jennifer Ruske

Kontakt und Information:
Anatomisches Institut. Tel. 0431/880-2470
www.anatomie.uni-kiel.de
Wie kann ich meinen Körper der Forschung spenden?
Das Anatomische Institut ist auf Körperspenden angewiesen, um eine anschauliche Aus- und Weiterbildung von Studierenden der Medizin, Ärztinnen und Ärzten sowie Angehörigen von medizinischen Berufen zu gewährleisten. Rund 80 bis 100 Körper werden der Wissenschaft pro Jahr zur Verfügung gestellt.

Interessierte können ihren Körper per »letztwilliger Verfügung« dem Anatomischen Institut testamentarisch übereignen. Dazu wird ein entsprechendes Formular ausgefüllt und hinterlegt. Ist der Tod festgestellt worden, erfolgt nach Absprache mit den Angehörigen die Überführung des Verstorbenen in das Institut durch ein Bestattungsinstitut. Dort verbleibt der Körper bis zu drei Jahre. Danach wird der Tote eingeäschert und auf dem Ehrengrab der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel bestattet. (jr)
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