CAU - Universität Kiel
Sie sind hier: StartseitePresseUnizeitNr. 93Seite 1
Nr. 93, 27.01.2018  voriger  Übersicht  weiter  REIHEN  SUCHE 

Die vielen Beine der Lüge

Lügen können allerhand bedeuten. Immer sind sie jedenfalls ein sprachliches Konstrukt. Die Linguistik greift dieses Thema dennoch vergleichsweise selten auf.


Lügen haben nicht nur lange Nasen und kurze Beine, sondern auch wissenschaftliche Bedeutung. Foto: fotolia

Genau das war für den Germanisten Professor Mar­kus Hundt der Anlass, sich näher mit den sprach­wissen­schaftlichen Aspekten der Lüge zu beschäftigen. Ein Seminar dazu kam prächtig an, und auch ein Vortrag bei der jüngsten »Night of the Profs« im November weckte allseits Interesse.

Kein Wunder. Schenkt man diversen psychologischen Studien Glauben, so wird in Deutschland gelo­gen, was das Zeug hält. Jeder und jede nimmt es nach der am häufigsten genannten Zahl täglich ungefähr 200 Mal nicht so genau mit der Wahrheit. Womit auch schon die Linguistik ins Spiel kommt, denn solch frappierend hohe Werte lassen sich nur einordnen, wenn berücksichtigt wird, was überhaupt als Lüge definiert wird.

»Es gibt viele verschiedene Arten von Lüge«, betont Markus Hundt und nennt eine auch moralisch höchst unterschiedlich zu bewertende Bandbreite, die von der an Dreistigkeit nicht zu überbietenden Lüge über die Höflichkeitslüge bis zur »weißen Lüge« reicht. Sehr klar liegt der Fall, wenn jemand wissentlich etwas Falsches sagt, an das er selber nicht glaubt und von dem er sich Vorteile oder die Vermeidung von Nachteilen verspricht.

Professor Markus Hundt hat sich auf die verschlungenen linguistischen Pfade der Lüge begeben. Foto: Martin Geist

»Wenn wir nur solche glatten Lügen zählen würden, käme bestimmt eine viel kleinere Zahl als 200 heraus«, glaubt der Kieler Germanist und verweist auf das weite Feld der übrigen Arten von Unwahrheit. Am ehrenwerten Ende der moralischen Skala wäre da die »weiße Lüge«, etwa wenn eine Ärztin ihrem Patienten seinen wirklichen Gesund­heitszustand verschweigt. »Sie sagt dann zwar wissentlich etwas Falsches, an das sie selber nicht glaubt, aber das geschieht mög­licher­weise in der Absicht, dem Patienten zu nutzen, weil die Wahrheit den Patienten so aus der Bahn werfen könnte, dass mögliche Heilungschancen nicht mehr wahrgenommen werden«, erläutert Hundt.

Hinzu kommt, dass jede Definition ihre Schwachstellen hat. »So wie es beim Vogel typischere und weniger typische Vertreter der Kategorie gibt – etwa ein Rotkehlchen im Vergleich zu einem Pinguin oder einem Strauß – finden wir auch bei der Lüge Formen, die weniger prototypisch sind«, sagt Hundt. Behauptet jemand, der schon ordentlich getrunken hat (nämlich drei oder vier Bier) wahrheitsgemäß »Ich habe zwei Bier getrunken«, dann ist das eine Implikaturen-Lüge, denn der Hörer schließt aus der Aussage, dass eben nur zwei Bier (und nicht mehr) getrunken wurden.

Auch die Halbwahrheit erfreut sich einiger Beliebtheit. »Ich habe in Deutsch eine Zwei bekommen«, ist eine Halbwahrheit, wenn zugleich verschwiegen wird, dass es in Mathe eine Fünf als Note gegeben hat. Und dann ist da noch die präsuppositionelle Lüge, die sich in dem Satz »Karl raucht wieder« äußern kann. »Es wird vermittelt, dass Karl früher schon geraucht hat, obwohl er es zum ersten Mal tut«, erläutert Professor Hundt.

Immer wieder lügt der Mensch außerdem aus Höflichkeit. »Du hast dich überhaupt nicht verändert«, sagt jemand, der seinen Schulfreund nach 20 Jahren wiedersieht – und beide wissen, es ist nichts als charmante Flunkerei.

Der Irrtum ist dagegen eine Form der Lüge, bei der der Sprechende selbst an die falschen Aussagen glaubt. Diese untypische Form der Lüge kann laut Hundt gleichwohl gefährlich sein und etwa den Nährboden für problematische Verschwörungstheorien bilden. Problematisch, wenn sich beispielsweise »Reichsbürger« ihre eigene Realität bauen. Kommt derlei Unfug auch noch aus dem Munde einflussreicher Menschen, wird es erst recht kritisch, weil die Wahrheit von Aussagen häufig auch nach der Autorität desjenigen beurteilt wird, der sie macht. Dazu Hundt: »Wenn Trump nach einem Terroranschlag behauptet, die amerikanische Justiz sei ein Witz, ist das gefährlich, weil das aufgrund der Bekanntheit der Person viele Leute glauben.«

Der Kieler Germanist, der sich sonst mit der Wahrnehmung von Dialekten oder der Sprachgeschichte vor allem des 17. Jahrhunderts beschäftigt, hat aber auch Tipps für erfolgreiches Lügen parat. Die wichtigste Regel: »Wenn man lügt, sollte man so wenig komplex lügen wie möglich.« Der Grund ist wiederum einfach, denn je mehr eine erfundene Geschichte mit Details gefüttert wird, desto größer ist die Gefahr, sich darin zu verstricken.

Grandios beherzigt hat der DDR-Staats- und Parteichef Walter Ulbricht die Regel der Einfachheit am 15. Juni 1961, als er verkündete: »Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten.« Womit er zwar die wohl berühmteste Lüge zumindest der jüngeren Zeitgeschichte schuf, nach Überzeugung von Hundt nicht aber den Beweis für die Verlogenheit der Politik an sich. Wohl kommt es immer wieder vor, dass in der Politik und ebenso in den Medien nicht immer die volle Wahrheit gesagt wird, besser oder schlechter als im Rest der Gesellschaft geht es in diesen Segmenten aber auch nicht her, betont Markus Hundt: »Die blanke Lüge ist eher die Ausnahme.«

Zudem mag der Wissenschaftler der Lüge eine gewisse Daseinsberechtigung keineswegs absprechen. »Wenn alle immer die Wahrheit sagen würden, wäre das eine Katastrophe«, gibt Hundt zu bedenken. Die vielen Lügen und Halbwahrheiten aus Rücksicht oder Höflichkeit betrachtet er als eine nicht gering zu schätzende »Basis des sozialen Miteinanders«.

Martin Geist
Top  voriger  Übersicht  weiter  REIHEN  SUCHE 


Zuständig für die Pflege dieser Seite: unizeit-Redaktion   ► unizeit@uni-kiel.de