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Nr. 93, 27.01.2018  voriger  Übersicht  weiter  REIHEN  SUCHE 

Vom Wert des Wühlens

Wann geht es Tieren gut? Und was lassen sich die Verbraucherinnen und Ver­brau­cher ein solches Wohlsein kosten? Um diese Fragen geht es in einem Forschungs­projekt der Agrar- und Ernährungswissenschaftlichen Fakultät.


Wissenschaft im Schweinestall: Wer genau wissen will, wie es den Tieren geht, muss sich schon mal Gummistiefel anziehen. Foto: Institut für Tierzucht und Tierhaltung

Selbst eingefleischte Schnitzelfans sind heutzutage vielfach der Meinung, dass es den Tieren schon irgendwie gut gehen soll, bevor sie aufgegessen werden. Spürbar ist das nach Einschätzung von Professor Joachim Krieter vom Institut für Tierzucht und Tierhaltung besonders wenn es um Schweine- und Geflügelhaltung geht. Zu bewerten, was für Tiere »irgendwie gut« ist, stellt sich aber gar nicht so einfach dar, meint der Wissenschaftler. Und für noch anspruchsvoller hält er es, einen landwirtschaftlichen Betrieb nach entsprechenden Kriterien, die sich praxisgerecht umsetzen lassen, hinsichtlich Tierwohl zu bewerten.

Genau diesem Thema widmet sich das vom Bundesministerium für Landwirtschaft und Ernährung geförderte Projekt AniFair, für das sich Krieters Institut mit dem Institut für Agrarökonomie seines Kollegen Professor Christian Henning zusammengetan hat. Im Begriff AniFair steckt das englische Wort Animal, gemeint ist mithin das Anliegen, fair zu Tieren zu sein. Konkretes Ziel dieses dreijährigen, noch bis Mitte 2018 laufenden Forschungsvorhabens: ein Software-Tool, das der Landwirtschaft, den Personen, die Agrarbetriebe beraten, aber auch der Politik als einfach handhabbares Werkzeug dienen soll, um das aktuell vielbeschworene Tierwohl tatsächlich in die Ställe zu bringen.

Irena Czycholl gehört, arbeiten dabei nicht nur virtuell. Sie besichtigen immer wieder Ställe, bewerten bauliche Gegebenheiten, das allgemeine Management und vor allem den Zustand der Tiere. Fallen dabei Verletzungen, Krankheiten oder Verschmutzungen auf, so sind das laut Krieter sehr objektive Hinweise darauf, dass es mit dem Tierwohl nicht zum Besten bestellt sein kann.

So nachvollziehbar das erscheinen mag, so wenig profan ist die Angelegenheit allerdings bei näherem Hinsehen. Beispielsweise lehrt die Praxis, dass moderne Ställe nicht das Alleinseligmachende sind. »Es gibt ältere Ställe, in denen die Haltungsbedingungen ganz hervorragend sind«, betont Professor Krieter.

Was damit gemeint ist, verdeutlicht Irena Czycholl: »Schweine sollen selbstverständlich gesund sein und ihre biologische Leistung bringen, sie sollen aber auch die Möglichkeit zu artgerechtem Verhalten haben.« Weil diese Tiere gern in Gruppen leben und viel Freude am Wühlen haben, sind entsprechende Beschäftigungsmöglichkeiten aus Sicht der Tierärztin wichtiger als beispielsweise die exakte Größe der Fensterfläche im Stall. Gleichwohl gibt Czycholl zu: »Ein positiver Gemütszustand ist schwer zu messen.«

Herauskommen soll bei AniFair letztlich ein Werkzeug, das mit sehr differenzierten Kriterien arbeitet und zugleich denen, die in der Praxis damit umgehen, eher simpel erscheint. Neben den wissenschaftlichen technischen Fakten ist dabei die gesellschaftliche Akzeptanz der Haltung von Nutztieren ein entscheidender Faktor. Für die Modellierung dieser gesellschaftlichen Prozesse zum Thema Tierwohl ist das Institut für Agrarökonomie zuständig.

»Wenn das Tierwohl steigen soll, wird es die Verbraucherinnen und Verbraucher etwas kosten«, stellt Professor Henning klar. Allerdings sei die Realisierung der wahren Zahlungsbereitschaft für Tierwohl als sogenanntes öffentliches Gut erheblich komplexer als für klassische Konsumgüter wie beispielsweise Fleisch.

Auch politisch ist das Tierwohl eine komplexe Angelegenheit, denn nicht selten spielen laut Henning seitens der Wählerinnen und Wähler naive Vorstellungen mit hinein. Etwa bei der weitverbreiteten Meinung Biobetriebe seien grundsätzlich tierfreundlicher als konventionelle Höfe. Dies sei wissenschaftlich vollkommen unbegründet, versichern die Beteiligten des Forschungsprojekts einhellig. Dass außerdem Kleinbetriebe dem Nutzvieh automatisch ein schöneres Dasein bescheren als die großen, gehört aus ihrer Sicht ebenfalls eher ins Reich der Romantik.

»Die zentrale Forschungsfrage meines Teilprojekts ist also, inwieweit verzerrte Politikvorstellungen eine effektive Umsetzung vorhandener gesellschaftlicher Tierwohlstandards bremsen«, verdeutlicht Henning. Auch gehe es darum, wie sich wissenschaftliche Erkenntnisse in die öffentliche Meinungsbildung einbinden lassen, sodass Wissensblockaden gelöst werden und politische Prozesse das Tierwohl tatsächlich in die Ställe bringen können. Zu diesem Zweck wird ebenfalls eine internetbasierte Anwendung entwickelt, die eine interaktive Kommunikation der Bürgerinnen und Bürger mit entsprechenden wissenschaftlichen Modellen erlaubt.

Insofern verbinden Krieter, Czycholl und Henning mit ihrem Vorhaben auch eine politische Hoffnung. Die Landwirtschaft soll in die Lage versetzt werden, Tierhaltung auf Basis fundierten Wissens zu betreiben. Bevölkerung, Lobbyverbände und Politik sollen sich genauso auf dieser Basis möglichst sachlich darauf verständigen, was denn nun wirklich gut ist für Henne, Schwein und Co. und wie viel sie bereit sind dafür zu bezahlen.

Martin Geist

Interessierte Leserinnen und Leser können das Team bei der Entwicklung der Anwendung unterstützen, indem sie an der Online-Befragung unter www.anifair.agrarpol.uni-kiel.de teilnehmen.
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