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Nr. 93, 27.01.2018  voriger  Übersicht  weiter  REIHEN  SUCHE 

Der Barbaren-Diskurs

Wer sich abfällig über Mitmenschen äußert, sagt damit auch viel über sich selbst aus. Das war schon in der Spätantike so, wie die Briefe des Sidonius Apollinaris zeigen.


Alles nur Barbaren? Sidonius Apolli­naris hatte da so seine Meinung. Foto: picture alliance

Es waren unruhige Zeiten im Gallien des 5. nachchristlichen Jahr­hunderts. Die gallisch-römische Elite mühte sich, ihren Status gegen aus dem Osten vordringende Gruppen zu ver­teidigen. In Zeiten schwindender Kampfkraft der einst so starken römischen Armee waren den römischen Kaisern sogar Bündnisse mit einzelnen dieser Gruppierungen recht, die im Gegenzug für ihre militärische Hilfe Versorgungsgüter und Land erhielten.

So siedelten seit dem Jahr 418 Westgoten in der Provinz Aqui­tanien, um diese Region militärisch zu sichern. Schon bald fühlten sie sich jedoch nicht mehr an ihren Vertrag mit dem römischen Kaiserhaus gebunden und nutzten die internen politischen Probleme des Reichs, um selbst nach der Macht in Gallien zu greifen.

Mitten in diese Umbruchzeit wurde der gallisch-römische Aristo­krat Sidonius Apollinaris hineingeboren. Um 431 als Sohn eines hohen gallischen Verwaltungsbeamten in Lugdu­num (heute Lyon) zur Welt gekommen, erhielt er eine klassisch römische Ausbildung und brachte es bis zum Präfekten von Rom. Später kehrte Sidonius nach Gallien zurück und wurde um 470 Bischof von Clermont. In dieser Funktion verteidigte er die Stadt mehrere Jahre lang gegen die Eroberungsversuche der Westgoten. Da die Auvergne samt Clermont letztlich an die Westgoten fiel, musste Sidonius sich schließlich mit diesen arrangieren.

»Sidonius Apollinaris ist für die Forschung von großem Interesse, weil er eine Sammlung von Briefen hinterließ, von denen 147 überliefert sind«, erklärt Veronika Egetenmeyr. Die Althistorikerin untersucht diese Briefe, in denen Sidonius seine Sicht der Dinge schildert, im Rahmen ihrer Doktorarbeit an der Graduiertenschule Human Development in Landscapes. »Mich interessiert besonders, welches Bild er von Gruppierungen wie den Westgoten und ihrem Anführer Eurich zeichnet.«

Oft stellte er sie als »Barbaren« dar, die ungepflegt aufträten und der lateinischen Sprache nicht mächtig seien. Schon vor über 1.500 Jahren verwendete Sidonius also Stereotype und Klischees, um sich von anderen abzugrenzen – ein Phänomen, das auch heute noch oft zu beobachten ist, wenn verschiedene Personen oder Gruppen über- statt miteinander reden. »Indem er die Westgoten als bärtige, ungebildete Fellträger schildert, betont Sidonius zugleich seinen eigenen hohen Bildungsstand und überhöht damit vermutlich die tatsächlich bestehenden Unterschiede«, interpretiert Egetenmeyr. »Die Darstellung anderer Gruppen lässt somit auch manches über die Selbstwahrnehmung des Verfassers erkennen.«

Möglicherweise wollte Sidonius mit seinen Briefen den Zusammenhalt der gallisch-römischen Elite stärken, indem er die seiner Ansicht nach vertragsbrüchigen Westgoten als unterlegene Barbaren darstellte – dabei waren diese seit Jahrzehnten als militärische Kooperationspartner anerkannt.

»Allerdings müssen die überlieferten Brieftexte kritisch betrachtet werden, da sie im Lauf der Jahrhunderte beim Kopieren möglicherweise verändert wurden«, erläutert Egetenmeyr. »Außerdem gab Sidonius selbst an, dass er die Briefe zur Veröffentlichung zusammengestellt und überarbeitet hat – vermutlich stellen sie also seine Sichtweise zu einem späteren Zeitpunkt dar, als sie eigentlich verfasst wurden.«

Um Sidonius’ Schilderungen mit denen von Zeitgenossen zu vergleichen, zieht Egetenmeyr für ihre Untersuchung auch Briefe des Ruricius von Limoges und des Avitus von Vienne heran. »Diese Autoren hatten als Angehörige der späten gallisch-römischen Elite einen ähnlichen sozialen Hintergrund und lebten in verschiedenen, sich überlappenden Abschnitten des 5. Jahrhunderts«, sagt die Doktorandin. »Vom Vergleich ihrer Briefe erhoffe ich mir Erkenntnisse über Unterschiede und Veränderungen in ihrer Schilderung von ‚Barbaren‘ und in ihrer Selbstwahrnehmung.«

Nach Abschluss ihrer Doktorarbeit möchte Veronika Egetenmeyr weiter forschen: »Insgesamt sind über 400 Briefe aus dem Gallien des 4. bis 6. Jahrhunderts überliefert, die ich gern auf Beiträge zum Barbaren-Diskurs untersuchen würde. Die interdisziplinäre Atmosphäre in der Graduiertenschule hat mich außerdem auf die Idee gebracht, materielle Spuren beispielsweise in Zusammenarbeit mit Archäologen auf Hinweise zu Veränderungen in der spätrömischen Essenskultur durch den Kulturkontakt zu ‚Barbaren‘ zu untersuchen.«

Jirka Niklas Menke
Mythos Völkerwanderung
In der Archäologie und der Geschichtswissenschaft gilt die These der wandernden Völker heute weitestgehend als widerlegt. Stattdessen nimmt man an, dass zunächst mit den Römern verbündete Kriegerverbände, manche in Begleitung ihrer Familien, zwischen 375 und 568 von Osteuropa in Richtung Süden und Westen vordrangen.
Dort spielten sie beim zunehmenden Verfall des Weströmischen Reichs eine Rolle, deren genauer Umfang in der Forschung noch diskutiert wird. Zu den wandernden Gruppen zählten hunnische Reiter ebenso wie Franken, Westgoten und Langobarden. (jnm)
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