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Nr. 93, 27.01.2018  voriger  Übersicht  weiter  REIHEN  SUCHE 

Genetische Schwachstelle

Bestimmte Gene sind für das gehäufte Auftreten von Brust- und Eierstockkrebs in manchen Familien verantwortlich. Sie bieten Kieler Forschenden Ansatzpunkte, um individuelle Therapien zu entwickeln.


Durch ihre Lage im Bauchraum wachsen Tumore der Eierstöcke lange unbemerkt und werden meist spät entdeckt. Bei der Behandlung gibt es Fortschritte. Foto: Thinkstock

Mit jährlich fast 70.000 Neuerkrankungen ist Brustkrebs die häufigste Krebsart bei Frauen in Deutsch­land. Das Risiko ist vielen Frauen bewusst. Sie untersuchen ihre Brüste zu Hause oder gehen zur Vor­sorge in eine Praxis. Bereits sehr kleine Veränderungen lassen sich ertasten oder in der Mammo­graphie nachweisen.

Eierstockkrebs hingegen wird selten früh und oft sogar nur zufällig bemerkt, weiß Professor Nicolai Maass, Direktor der Klinik für Gynäkologie und Geburtshilfe. Vorsorgemaßnahmen wie bei Gebär­mutter­krebs gibt es nicht. Ultraschall- oder Tastuntersuchungen seien zwar gynäkologisch möglich, aber: »Eierstockkrebs wird meistens erst zu spät erkannt, wenn sich bereits Flüssigkeit im Bauch gesam­melt und eine große Zyste am Eierstock entwickelt hat.«

Die Kieler Universitätsfrauenklinik ist von der Deutschen Krebsgesellschaft als Brust- und Genital­krebs­zentrum zertifiziert. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler erforschen mit anderen hochspeziali­sierten Zentren auf der ganzen Welt Erkrankungen und entwickeln Therapien weiter. Laut Daten, die das Robert Koch-Institut veröffentlicht hat, erkrankt eine von 71 Frauen im Laufe ihres Lebens an Eier­stockkrebs. Im Jahr 2014 erkrankten insgesamt 7.250 Frauen neu an Eierstockkrebs. Die Ursachen sind weitgehend unbekannt. Aus Studien weiß man, dass das Risiko einer Erkrankung mit dem Alter ansteigt. Das mittlere Erkrankungsalter liegt bei 70 Jahren. Unfruchtbarkeit und Kinderlosigkeit erhöhen das Risiko, Schwangerschaften, längere Stillzeiten und die Einnahme der Antibabypille senken es.

Aktuelle Forschungsergebnisse der 17 universitären Zentren in Deutschland weisen darauf hin, dass bei einigen Patientinnen mit Eierstockkrebs eine Genveränderung vorliegt. Professor Maass schätzt, dass bei zehn Prozent aller bösartigen Fälle Mutationen in den Genen BRCA1 und BRCA2 krank­heits­auslösend sind. Hier besteht eine Verbindung zum Brustkrebs. »Die beiden Krebserkrankungen sind genetisch verwandt. Frauen, die genetisch bedingten Brustkrebs haben, haben auch ein höheres Risiko, Eierstockkrebs zu bekommen«, sagt Maass. Auf die Behandlung von Patientinnen mit diesem familiären Brust- und Eierstockkrebs hat sich die Klinik spezialisiert.

Für die Patientinnen ist es von überlebenswichtiger Bedeutung, dass im Falle von Eierstockkrebs der Tumor komplett entfernt wird. »Dann nimmt die Erkrankung nachweislich einen besseren Verlauf«, erklärt Maass. Die Entfernung der Eierstöcke und der Gebärmutter lassen sich im fortgeschrittenen Stadium nicht vermeiden.

Doch die Therapie der Erkrankung ist in den vergangenen Jahren durch die Übertragung von wissen­schaft­lichen Erkenntnissen in den klinischen Alltag zunehmend verbessert worden. Bisher war die Behand­lung von Frauen mit Eierstockkrebs wenig zielgerichtet und basierte ausschließlich auf Chemotherapie. Durch die Erkenntnisse gibt es nun neben der Chemotherapie erstmals eine individualisierte Option.

Die neue Medikamentengruppe wird als PARP-Inhibitoren bezeichnet. Sie macht sich die Abhängigkeit der Tumorzellen von dem Enzym Poly(ADP-ribose)-Polymerase zunutze und spricht bei Patientinnen mit genetisch bedingtem Eierstockkrebs besser an. Von ungefähr einhundert neuen Patientinnen im Jahr werden derzeit zehn an der Kieler Klinik mit dem Medikament behandelt.

»Diese Frauen sind dank der Therapie acht bis zwölf Monate länger tumorfrei.« Bei einer durch­schnitt­lichen Lebenserwartung von fünf bis zehn Jahren nach der Diagnose schätzt Maass das Ergebnis als großen Erfolg ein. Denn während der Krebs im Frühstadium noch heilbar ist, kann der Tumor im fortgeschrittenen Stadium nicht dauerhaft zurückgedrängt werden.

Neben der klinischen Tätigkeit wird in Kiel auch an neuen Tumormarkern geforscht, die zukünftig weitere zielgerichtete Therapien und eine frühzeitigere Diagnose erlauben sollen. Welche Marker sagen vorher, ob der Krebs wiederkommt oder ob die Therapie wirkt? Laborversuche mit Zellkulturen sollen dem Team um Professor Maass hierüber Aufschluss geben.

Raissa Maas

www.unifrauenklinik-kiel.de
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