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Nr. 93, 27.01.2018  voriger  Übersicht  weiter  REIHEN  SUCHE 

Die feinen Unterschiede

Menschen reagieren auf ein und dieselbe Information teils völlig unterschiedlich. Das hat offensichtlich viel mit ihrer jeweiligen Persönlichkeitsstruktur zu tun.


Auch mit Fragebögen ermittelt die Kieler Psychologie Zusammenhänge von Wahrheit und Wahrnehmung. Foto: pur.pur

Am Lehrstuhl für Psychologische Diagnostik, Differentielle Psychologie und Persönlichkeitspsychologie spielt Verschiedenheit eine zentrale Rolle. Manche Menschen beschreiben sich als eher ängstlich, andere als eher kontaktfreudig, die einen behalten Neues auf Anhieb im Gedächtnis, die anderen nutzen bestimmte Techniken, um sich viele und komplexe Informationen zu merken. Einige Personen beispielsweise hinterfragen ihre Entscheidungen eher, wenn neue Informationen hinzukommen, andere achten sehr genau auf Diskrepanzen und Veränderungen in ihrer Umwelt.

In der Differentiellen und der Persönlichkeitspsychologie werden solche Unterschiede mit verschiedenen situativen Faktoren in Zusammenhang gebracht, in sogenannten Trait-Modellen zusammengefasst und in Experimenten untersucht. »Da kommen zum Beispiel genetische Dispositionen oder situative Bedingungsmerkmale ins Spiel und nicht zuletzt Einflüsse der Gehirnfunktion«, erläutert Professorin Anja Leue diese Teildisziplin.

In der Psychologischen Diagnostik geht es unter anderem darum, Tests und Fragebögen anhand wissenschaftlicher Kriterien zu entwickeln und zu beurteilen. Damit liefert die Diagnostik das wissenschaftliche »Handwerkszeug«, um Unterschiede zwischen Individuen messbar zu machen. In der Rechtspsychologie, die sich auch auf den wissenschaftlichen Erkenntnissen der Diagnostik und der interindividuellen Unterschiede gründet, geht es dann beispielsweise um folgende Fragen: Mit welchen Dispositionen und unter welchen Bedingungen können Menschen straffällig werden? Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass jemand, der eine Sexualstraftat begangen hat, rückfällig wird? Oder wie glaubwürdig sind im Einzelfall die Aussagen von Personen, die als Zeuginnen oder Zeugen oder als Beschuldigte befragt werden?

»Das sind alles Fragen von sehr hoher praktischer Bedeutung, die aber auch intensive Forschung erfordern«, betont Anja Leue, die mit ihrem Team zu den drei Teilfächern Diagnostik, Differentielle Psychologie sowie Rechtspsychologie forscht und lehrt.

Gilt es beispielsweise zu beurteilen, ob ein Mensch eine geschilderte Situation erlebt hat oder das – aus welchen Gründen auch immer – nur behauptet, dann helfen unter anderem wissenschaftlich fundierte aussagepsychologische Kriterien, die Qualität einer Aussage zu beurteilen. Häufig möchte man aber auch verstehen, welche Prozesse im Gehirn stattfinden, wenn wahre, geleugnete oder veränderte Informationen verarbeitet werden. Dies kann beispielsweise mit einem Elektroenzephalogramm (EEG) erfasst werden, das auch sehr schnell variierende Hirnaktivitäten über Spannungsveränderungen an der Kopfoberfläche misst.

»Schon nach 300 Millisekunden differenziert das Gehirn zwischen geleugneten und neuen Informationen und zeigt in spezifischen Bereichen unterschiedlich intensive Reaktionen«, nennt die Kieler Expertin eine verblüffende Zahl. Zunutze macht sich das die Wissenschaft beim Concealed Information Test (CIT), einer Aufgabe zur Unterscheidung von Hirnreaktionen auf tatrelevante, geleugnete oder wahr­heitsbezogene Informationen.

Aktuell forscht Anja Leue mit ihrem Team, wie sich Hirnreaktionen im EEG unterscheiden, wenn man geleugnete, veränderte beziehungsweise wahrheitsbezogene Informationen vergleicht. Dabei spielt auch die Untersuchung interindividueller Unterschiede eine große Rolle, etwa wie stark einzelne Menschen Gerechtigkeit oder Fairness erleben oder bewerten. »Gerade zum Zusammenhang zwischen interindividuellen Unterschieden und den Bedingungen der Informationsverarbeitung im Gehirn besteht noch großer Forschungsbedarf«, meint Professorin Leue. Aus solchen Gründen ist es wichtig, Erklärungsmodelle zu entwickeln und Kriterien zu untersuchen, anhand derer man die zeitlich schnell ablaufende Informationsverarbeitung auf wahrheitsbezogene und nicht wahrheitsbezogene Informationen zuverlässig erfassen kann.

Schließlich werden im Team von Anja Leue auch Studien in Zusammenarbeit mit der Polizei durch­geführt und vorbereitet, die sich mit Fragen zur Qualität der Protokolle in Vernehmungen von Zeugen sowie Techniken der Befragung befassen.

Martin Geist

Für Studien in den Forschungsbereichen von Anja Leue unterstützt die Christian-Albrechts-Universität zu Kiel die Bekanntgabe und Durchführung von wissenschaftlichen Studien für interessierte Proban­dinnen und Probanden. Mehr dazu unter
www.diagnostik-diff.psychologie.uni-kiel.de/de/aktuelle-studien
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