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Nr. 93, 27.01.2018  voriger  Übersicht  weiter  REIHEN  SUCHE 

Es lebe die Freiheit!

Akademische Freiheit vs. verschultes Studium: Ist das Humboldt’sche Bildungsideal in Zeiten strenger Lehrpläne noch aktuell? »Für die Kieler Uni lautet die Antwort eindeutig ja«, befinden Professor Dirk Westerkamp und Dr. Astrid von der Lühe vom Philosophischen Seminar.


Wollen mit Studierenden über das Thema »Akademische Freiheit« diskutieren: Dirk Westerkamp und Astrid von der Lühe. Foto: Jennifer Ruske

Die Freiheit der Studierenden, sich eine Universität und einen Studiengang zu wählen und in diesem – ohne ständige Aufsicht oder Reglements – in eigener Verantwortung Vorlesungen und Seminare besuchen zu können: Das war für den preußischen Gelehrten und Bildungsreformer Wilhelm von Humboldt (1767–1835) ein wesentlicher Punkt seines Bildungsideals, der »akademischen Freiheit«. Dieser Begriff umfasst jedoch noch etliche Freiheiten mehr, inklusive der dazugehörigen Verantwortung. Die betreffen zum einen die Studierenden, aber auch die Universität, die Dozentinnen und Dozenten und die Hochschulverwaltung. So gehörten für Humboldt äußere und innere Unabhängigkeit der Universität von staatlichen und wirtschaftlichen Zwängen in Bildung und Forschung sowie das freie Vertreten von Lehrmeinungen und Lehrmethoden ebenfalls notwendig dazu.

Doch nicht nur zu Humboldts Zeiten war die akademische Freiheit das Universitäts- und Bildungsideal, sondern sie ist es noch heute. »Die Freiheit von Forschung, Lehre und Studium ist in unserem Grundgesetz § 5 (Art. 3) festgeschrieben«, erklärt Dirk Westerkamp, Professor der Theoretischen Philosophie. Sie verpflichtet zugleich zur Verfassungstreue. Die Kieler Universität sei, was die Bewahrung dieses Prinzips und seiner Rahmenbedingungen angehe, in vieler Hinsicht »vorbildlich« – zumindest aus Dozentensicht, heben Westerkamp und von der Lühe hervor und verweisen auf Diskussionsfreudigkeit, Familienfreundlichkeit, akademische Selbstverwaltung.

Die Umsetzung der akademischen Freiheit aus der Perspektive der Studierenden könnten sie schlech­ter beurteilen, erklären Westerkamp und Astrid von der Lühe, geschäftsführende wissenschaftliche Mitarbeiterin des Philosophischen Seminars. Es sei offensichtlich, dass die Freiheit durch enge Lehrpläne und überfüllte Seminare zwar nicht bedroht, aber massiv bedrängt werde.

Dennoch sind sie sich sicher, dass sich die Universitätsidee trotz des »engen Korsetts von Lehrplänen« nach der Einführung von Bachelor- und Masterstudiengängen weiterhin durchsetzt: »Die akademische Freiheit ist nicht totzukriegen«, glaubt Westerkamp. Und von der Lühe ergänzt: »Lehrpläne gab es auch früher schon.« Die Kunst sei, diese so zu auszufüllen, dass sie noch Luft zum Atmen lassen. Eben diese Luft, diesen Freiraum, den Studierende mit eigenen Interessen, gesellschaftlichem Engagement oder dem Erlernen einer neuen Sprache füllen können, sei für Arbeitgeber später das Tüpfelchen auf dem i.

»Früher hieß es, je jünger die Arbeitskräfte sind, desto besser.« Jetzt, wo der Fachkräftemangel groß ist und Nachwuchs fehlt, wünschen sich Arbeitgeberinnen und Arbeitgeber Mitarbeitende, die sich engagieren, die gelernt haben, über den Tellerrand zu blicken, die eine gute Allgemeinbildung und eine eigenständige Persönlichkeit haben – und um das zu erwerben, braucht es Zeit und die Freiheit, sich diese zu nehmen.« Dies gelte es, den Studierenden zu vermitteln.

Akademische Freiheit ist für eine Universität aber auch die Freiheit der Lehre und der Forschung, ohne Zwänge von außen. »Die Freiheit ist immer dort herausgefordert, wo aus vordergründigen und fach­fremden ökonomischen, politischen oder anderen technischen Interessen regulierend eingegriffen wird«, so Westerkamp, der das Thema »Akademische Freiheit: Zur Geschichte und Gegenwart der Universitätsidee« zusammen mit Astrid von der Lühe in einem Blockseminar Ende Februar 2018 vertiefen wird.

Das Seminar wird den Begriff der akademischen Freiheit und seine Inhalte von der Entstehung, über die programmatischen Positionen des 20. Jahrhunderts und die gegenwärtigen (Rahmen-)Bedingungen der Universität heute beleuchten – und den Blick auch in die Zukunft schweifen lassen.

Auch der ethische Aspekt von Grenzen der wissenschaftlichen Freiheit kommt nicht zu kurz. »Und nicht zuletzt wird es darum gehen, dass Freiheit nicht nur bedeutet, frei von äußeren Zwängen zu sein«, so von der Lühe. »Freiheit zieht auch Verpflichtungen nach sich: zur wachsamen, kritischen Auseinandersetzung mit den Forschungsprozessen in den Lehrveranstaltungen und zur Mitwirkung an der Gestaltung der universitären Rahmenbedingungen.“

Jennifer Ruske
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