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Nr. 94, 31.03.2018  voriger  Übersicht  weiter  REIHEN  SUCHE  Feedback 

Formen der Aquakultur

Fischzucht hat in Form von Karpfen- und Forellenteichen eine lange Tradition. Und sie hat Zukunft. Mit der Optimierung der marinen Aqua­kultur in puncto Nachhaltigkeit befasst sich eine interdisziplinäre Arbeitgsgruppe des Exzellenzclusters »Ozean der Zukunft«.


Moderne, nachhaltige Formen der Aquakultur werden in den Versuchsanlagen der Gesellschaft für marine Aquakultur in Büsum erforscht. Foto: Gesellschaft für marine Aquakultur

Fischfarmen haben nicht den allerbesten Ruf. Sie gelten als Massentierhaltungen im Wasser, die Umwelt und Tiergesundheit schaden. Laut Professor Konrad Ott hängt das vor allem mit den Anfängen des industriemäßigen Ausbaus der Aquakultur vor 30 bis 40 Jahren zusammen.

»Damals erfolgte Fischzucht mit sehr hohem Input. Man musste Fische fangen, um diese dann an die kultivierten Fische zu verfüttern, setzte große Mengen Antibiotika ein und vernichtete Mangrovenwälder für die Shrimpszucht«, sagt der Kieler Professor für Philosophie und Ethik der Umwelt. »Das war eine First-Generation-Technologie, die man durchaus optimieren kann, so dass auch ein anspruchsvoller Nachhaltigkeitstheoretiker gut damit leben kann.« Mit dieser Optimierung der marinen Aquakultur beschäftigt sich eine Arbeitsgruppe an der Uni Kiel.

Für die Ernährung der Weltbevölkerung hat die Aquakultur von Fischen, Schalen- und Krustentieren sowie Algen eine enorme Bedeutung. Der Markt hat stark steigende Wachstumsraten. »Jeder zweite Fisch, der konsumiert wird, stammt mittlerweile aus Aquakultur«, betont Carsten Schulz. Der Professor für Marine Aquakultur an der Uni Kiel und wissenschaftliche Leiter der Gesellschaft für Marine Aquakultur in Büsum erforscht innovative Lösungen etwa für die Fütterung mit möglichst wenig Fischmehl und Fischöl. Von Natur aus ressourcenschonend sind laut Schulz beispielsweise die traditionellen, extensiv bewirtschafteten Karpfenteiche oder Muschelbänke.

Professor Schulz widmet sich in seiner Forschungsarbeit vier Problemfeldern der Aquakultur: Fütterung, Tierwohl, Verschmutzung der Gewässer und Eingriff in Ökosysteme. »Die Fütterung verlangt erhebliche Ressourcen, diese werden aber nicht zu hundert Prozent verwertet, sodass Nährstoffreste und Aus­scheidungen der Fische die Gewässer verschmutzen können«, erklärt Carsten Schulz. Herausfordernd sei die Fischzucht auch unter dem Gesichtspunkt der Tiergesundheit. »Wir versuchen die Tier­gesund­heit und das Tierwohl zu quantifizieren, um die Reaktion der Fische auf variierende Umwelt­bedingungen besser zu verstehen und um langfristig den Einsatz von Medikamenten zu minimieren.«

Die traditionelle Teichwirtschaft wie bei Fischzucht Kortmann in Hohenweststedt ist, wenn sie extensiv betrieben wird, von Natur aus ressourcenschonend. Foto: Jennifer Ruske

Das Problem der Gewässerverschmutzung lässt sich durch neue Anlagensysteme, wie zum Beispiel das sogenannte multitrophe Aquakultursystem, lösen. Dabei sollen durch gleichzeitige Aufzucht unter­schiedlicher Organismen Nährstoffeinträge ausgeglichen und Gewässerverunreinigungen vermieden werden. Man kombiniert zum Beispiel die Aquakultur von Algen mit der Fischzucht. »Die Algen brauchen die Nährstoffe, die die Fische übriglassen oder ausscheiden«, erklärt Professor Rüdiger Schulz, Algenexperte am Botanischen Institut der Uni Kiel. »Algen sind ein wichtiger Part in Systemen der Aquakultur, da sie genau wie Muscheln Nährstoffe aufnehmen und damit diese im Gewässer reduzieren.«

Die Algen selbst lassen sich hinterher für verschiedene Zwecke nutzen, da sie wertvolle Inhaltsstoffe liefern. Hierzu zählt etwa der rotgelbe Farbstoff Astaxanthin. Als Futterzusatz in Lachskulturen sorgt er dafür, dass Lachs die typische rosa Farbe bekommt. Auch für Omega-3-Fettsäuren sind Mikroalgen eine gute Quelle. Fische, die diese Mikroalgen aufnehmen, reichern deren wertvolle Fettsäuren in den Fischölen an. »Durch clevere Kombination könnte man eine emmissionsfreie Aquakultur erreichen, nicht nur in geschlossenen Systemen, sondern auch in der Kieler Förde«, davon ist Rüdiger Schulz überzeugt.

In Anbetracht der Fischmehlproblematik sei auch zu überlegen, vermehrt vegetarisch lebende Fische zu kultivieren. Die in die Kieler Förde eingewanderte Meeräsche ernährt sich vegetarisch und ist laut Schulz zufrieden, wenn sie in einem Netzkäfig lebt und die darauf lebenden Algen abknabbert.

»Wir können in Kiel neue Modelle für Aquakultursysteme, sowohl landgestützte, also künstliche, Anlagen als auch solche in marinen Systemen untersuchen und beforschen. Damit wollen wir zeigen, was heutzutage möglich ist, und gleichzeitig mit alten Vorurteilen aufräumen«, sagt der Umweltethiker Konrad Ott. Über die verschiedenen Möglichkeiten für eine nachhaltige Aquakultur informiert der Exzellenzcluster »Ozean der Zukunft« im Sommersemester in einer Ringvorlesung.

Kerstin Nees
Stichwort Aquakultur
Die Nutzung von natürlichen, teilweise künstlichen oder ausschließlich künstlich angelegten Teichen zur Aufzucht von Fischen oder Krebstieren ist die älteste und bis heute weltweit am häufigsten ge­nutzte Form der Aquakultur. Grundsätzlich meint Aquakultur die kontrollierte Aufzucht von aquatischen, also im Wasser lebenden, Organismen, insbesondere Fischen, Muscheln, Krebsen und Algen. Dabei kommen folgenden Aquakulturmethoden zum Einsatz: Teichwirtschaft, Durch­fluss­anlagen, Netzgehegeanlagen, Muschelzucht und geschlossene Kreislaufanlagen. (ne)
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