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Nr. 98, 30.03.2019  voriger  Übersicht  weiter  REIHEN  SUCHE 

Zurück zu den Wurzeln

Im neuen Exzellenzcluster ROOTS der Kieler Universität wird fächerüber- greifend gearbeitet: Mit einem Schwerpunkt in den Archäologien forschen Teams aus 15 verschiedenen Fachrichtungen zum Thema Gesellschaft und Umwelt vergangener Zeiten.


Ausgrabungen von einem Haus der Tripolye Kultur (Chalckolithikum, 4. Jahrtausend vor Christus) in Maidanetske, Ukraine, Sommer 2016. © Marta Dal Corso

Ausgrabungen, zum Beispiel antiker und prähistorischer Siedlungen, liefern nicht nur der Archäologie wertvolle Informationen. Allen Fachrichtungen eröffnet sich bei Untersuchungen von gefundenen Knochen, Zähnen, DNA, Pollen, Insekten, Erdschichten, Abfall und Co. ein spannender Blick auf einstiges Leben, Arbeiten, gesellschaftliche Strukturen und Gesundheit der Bevölkerung, berichtet der Archäologe Professor Johannes Müller. »Diese Daten zum Menschsein unter anderen gesellschaft­lichen und ökologischen Bedingungen sind immens wichtig für die Einschätzung heutiger Entwick­lungen.«

Die praktizierte Zusammenarbeit von Archäologien, Geschichts- und Umweltwissenschaften an der Christian-Albrechts-Universität gibt es seit 2007, als die im Exzellenzwettbewerb bereits damals erfolgreiche Graduiertenschule »Human Development in Landscapes« entstand. Neben dem seit 2016 laufenden Sonderforschungsbereich TransformationsDimensionen wurde mit dem neuen Exzellenz­cluster ROOTS (Wurzeln) das wissenschaftliche und fächerübergreifende Miteinander noch einmal ausgeweitet. »Wir setzen auf breit gefächerte Interdisziplinarität mit starker Ausrichtung an der Schnittstelle von Kultur- zu Natur- und Lebenswissenschaften«, erklärt der prähistorische Archäologe. Das ist bundesweit einzigartig und so besonders, dass das Projekt der Kieler Universität im September 2018 von der internationalen Fachkommission als Exzellenzcluster bewilligt wurde. Bis zunächst Ende 2025 fördern Bund und Land das Projekt mit rund 35 Millionen Euro.

Bei den Forschenden ist die Freude über die Bewilligung des ROOTS-Clusters groß. »Damit etablieren wir in Kiel einen Leuchtturm für die Erforschung prähistorischer, antiker und vormoderner Gesell­schaften«, sagt Müller, Sprecher des neuen Clusters. Seit 1. Januar 2019 versuchen Wissen­schaftlerinnen und Wissenschaftler der Universität, zu den »Wurzeln der Vernetzung von Gesellschaft, Umwelt und Kultur in vergangenen Welten« (ROOTS - Social, Environmental, and Culture Connectivity in Past Societies) vorzudringen. Mit dabei sind auch das Zentrum für Baltische und Skandinavische Archäologie (ZBSA), das IPN und das Deutsche Archäologische Institut (DAI). Den institutionellen Rahmen des Projekts bildet die 2011 gegründete Johanna-Mestorf-Akademie, die interdisziplinäre Forschungen der Altertums- und Umweltwissenschaften, aber auch universitäre und außeruniversitäre Institutionen zusammenführt.

Gemeinsam will man »die vergangenen Wurzeln sozialer, umweltbedingter und kultureller Phänomene« aufdecken. Betrachtet werden dabei sechs Bereiche: Umweltprobleme, Ernährungsfragen, Wissens-/ Technologieentwicklung, Urbanität, soziale Ungleichheit und Konflikte/Konfliktlösungen. »Wir gehen davon aus, dass zu allen Zeiten Gesellschaft und Umwelt in einer dynamischen Beziehung zueinander standen. Wechsel in der Intensität der Konnektivität führten zu sozialen Problemen, Migrationen, aber im Positiven auch zu friedlichen und sozial ausgeglichenen Verhältnissen«, erklärt Müller und nennt ein Beispiel: Wenn innergesellschaftliche Vernetzungen durch zu große Reichtumsunterschiede abnahmen, führte dies notgedrungen zu Konflikten und wirtschaftlicher Unproduktivität.

Auch konnte nicht mehr dynamisch auf Umweltveränderungen reagiert werden, so der Professor. Für ihn ist das Spannende an den Ergebnissen: Sie lassen sich auf die heutige Zeit übertragen. »Ein besseres Verständnis der Zusammenhänge vergangener Zeiten wird auch die Wurzeln gegenwärtiger Herausforderungen und Krisen unter verschiedenen ökonomischen, ökologischen und sozialen Bedingungen neu erschließen«, ist sich Müller sicher. »Wer die Vergangenheit verstehen lernt, besitzt einen Schlüssel für die Gegenwart und eröffnet zukünftige Lösungsmöglichkeiten.«

Sechs neue Professuren unterstützen die integrativen Forschungsschwerpunkte des Clusters: Geo­archäologie, Antike Wissenskulturen, Urbanarchäologie, Sozialarchäologie, Historisch-Linguistische Studien und Archäoinformatik. Ebenfalls neu hinzu kommt die ROOTS Junge Akademie als Nach­folgerin der Graduiertenschule, die jungen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern eine Aus­tauschplattform und die Möglichkeit bietet, eigenständige interdisziplinäre Forschungsprofile zu entwickeln.

Jennifer Ruske
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