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Nr. 99, 06.07.2019  voriger  Übersicht  weiter  REIHEN  SUCHE  Feedback 

Geographischer Wendepunkt

Der Geographie-Kongress an der Uni Kiel im September 2019 erinnert an einen Wende­punkt in der deutschsprachigen Geographie vor 50 Jahren. Mit lautstarken Protesten forderten Studierende beim Geographentag 1969 in Kiel grundlegende Reformen des Faches.


Der Blick von außen auf die Erde, zum Beispiel mit Satellitenbildern, kennzeichnet einen Forschungsbereich der modernen Geographie. © iStock/Harvepino

Professor Götz von Rohr kann sich noch gut daran erinnern, was im Sommer 1969 im Kieler Schloss, wo der Kongress ausgerichtet wurde, geschah. Mit einem VW-Käfer und drei Kollegen war er – damals wissenschaftlicher Assistent an der Universität Hamburg – in die Landeshauptstadt gefahren, um am Geographentag teilzunehmen.

»Zum allerersten Mal formulierten Studierende der Geographie ihre Kritik auf einer öffentlichen Veranstaltung«, so der ehemalige Direktor des Geographischen Instituts der Uni Kiel. »Die Sitzung am Nachmittag war sehr gut besucht. Vier Studierende erhielten das Wort auf dem Podium. Für ihre zum Teil rhetorisch brillanten Redebeiträge bekamen sie dann Szenenapplaus – natürlich sehr zum Missfallen des Lehrkörpers.«

Dieses studentische Aufbegehren sollte Symbol für einen Paradigmenwechsel des Studienfaches werden. »Die Studierenden beschwerten sich über die mangelnde gesellschaftliche Relevanz des Faches«, erklärt Florian Dünckmann, Professor für Kulturgeographie an der CAU. Die Geographie habe ihrer Meinung nach nichts zu den bestimmenden Themen Ende der 1960er Jahre, wie Imperialismus- und Kapitalismuskritik oder soziale Ungleichheit, beigetragen. »Vor allem die traditionelle Länderkunde und der Landschaftsbegriff standen in der universitären Lehre im Mittelpunkt. Die Studierenden forderten ein Umdenken hin zu einer raumwissenschaftlichen Betrachtungsweise.«

Außerdem sei die Geographie zu sehr in der theoriefreien Beschreibung der Erdoberfläche verhaftet gewesen, so die Kritik. Daher setzten sich die Studierenden für eine theoriebasierte, kritische und zugleich anwendungsorientierte Lehre ein, so Rainer Wehrhahn, Kieler Professor für Stadt- und Bevölkerungsgeographie. »Allein die Tatsache, dass Studierende ihren Professoren widersprachen, galt als Affront. Mit ihrem Protest haben sie viel Aufsehen erregt, und nicht zuletzt führte dies zur Einführung des Diplomstudiengangs Geographie an den meisten deutschen Universitäten, so auch in Kiel.«

Doch wie groß war letztendlich der Einfluss der Proteste auf das Fach Geographie? »Es musste zunächst zu einem generellen Austausch der Professorinnen und Professoren kommen, damit sich grundsätzlich im Fach Geographie etwas ändern konnte«, sagt Wehrhahn. Und von Rohr ergänzt: »Nach und nach fanden sich immer mehr Schriften progressiver Geographen in den Bibliotheken wieder. Viele Mitstreiter bekamen Lehraufträge in Instituten deutscher Universitäten.« Mit der Zeit entließ das Fach, das bis dahin vor allem Lehrerinnen und Lehrer und wissenschaftliche Mitarbeitende ausbildete, auch immer mehr Diplomgeographinnen und -geographen in den freien Arbeitsmarkt.

50 Jahre später, im September 2019, richtet das Geographische Institut der Universität Kiel erneut den Deutschen Kongress für Geographie aus. Jetzt sind es nur noch wenige Monate, bis rund 2.000 Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus dem deutschsprachigen Raum und darüber hinaus in die Landeshauptstadt reisen werden, um sich in 250 Sitzungen, acht Hauptvorträgen und diversen Fachforen auszutauschen.

Der von Tagungsleiter Rainer Wehrhahn organisierte Kongress trägt den Titel »Umbrüche & Aufbrüche: Geographie(n) der Zukunft«. Natürlich soll auf dem vom 25. bis zum 30. September stattfindenden Kongress auch über die Ereignisse im Jahr 1969 diskutiert werden. »50 Jahre nach dem Kieler Geographentag möchten wir jedoch vor allem die Gegenwart des Faches thematisieren und neue Wege für die Zukunft des Faches in Forschung, Praxis und geographischem Schulunterricht debattieren«, sagt Wehrhahn.

Tobias Oertel

Deutscher Kongress für Geographie 2019
25.09.–30.09.2019, Kiel.
Die Teilnahme ist kostenpflichtig. Frühbucherschluss am 15.07.2019.
www.dkg2019.de
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